Geschichte der Norfolk Terrier



Ursprünge



Vor fast 200 Jahren zogen Zigeuner durch East Anglia und wurden von kleinen, roten, kippohrigen Terrieren begleitet, Wildererhunde, denen man nachsagte, sie seien die härtesten Terrier, die man sich vorstellen konnte.

East Anglia ist ein Getreideland, und Ratten, Kaninchen und Mäuse stellten für die Bauern ein grosses Problem dar, wenn sie nicht wirksam bekämpft wurden. Kleine, wendige, terrierähnliche, rotbraune Hunde sah man daher recht häufig auf den Höfen, und sie mussten dafür sorgen, dass die Nager kurz gehalten wurden.

Rattenjagd auf einem Bauernhof,
ca. 1850

Es gab sogar berufsmässige “Rattenfänger”, die mit rund einem Dutzend solcher Terrier auf besonders schlimm betroffene Höfe kamen, ihre Hunde dort etwa eine Woche auf Raubzeugfang schickten und dann zum nächsten Hof weiterzogen. Als Raubzeugfänger verschafften sich diese Hunde in der Tat einen grossen Ruf; so wird beschrieben, wie einer von ihnen an einem Tag während des Dreschens 80 Ratten tötete. Ein Youtube Video, das einige Norfolk Terrier und Norfolk Terrier Kreuzungen bei der organisierten Rattenjagd zeigt, finden Sie
hier. Heute werden Norfolk Terrier nicht mehr hierfür gezüchtet, sondern leben hauptsächlich als Begleithunde.

Interessanterweise soll es um die gleiche Zeit in East Anglia auch Heeler, das sind Hütehunde, gegeben haben, die als einzige ihrer Art relativ klein, rot und rauhaarig waren. Leider sind sie ausgestorben. Es scheint fast, als bestünde eine Beziehung zwischen der Landschaft von East Anglia, der roten Farbe und dem rauhen Haar.

Um 1870 ärgerte sich der Master der Foxhounds von Ballybrick in Irland, dass ihm so viele Füchse entkamen, weil seine Hunde zu gross waren, um ihnen in die Bauten zu folgen. Er begann, aus seinen Irish Terriern eine Linie besonders kleiner Hunde herauszuzüchten und soll nach zahlreichen Generationen einen Terrier von 10 inches Schulterhöhe gehabt haben. Jedoch erst nach seinem Tode gelangten einige dieser Hunde nach England in die Gegend von Cambridge und Norfolk. Diese “Irish mites”, wie sie genannt wurden, und die Hunde der Zigeuner und Bauern mögen der Ursprung des Norfolk Terriers gewesen sein.

Norfolk Terrier um das Jahr 1910, vor ihrer Anerkennung als Rasse
(neben Lewis Low sitzend)

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts tauchten sie vermehrt in Cambridge auf, wo sie in der Trumpington Street nahe den grossen Colleges von einem Hundehändler, “Doggy Lawrence”, verkauft wurden. Besonders bei den Studenten waren diese “Trumpington” oder “Cantab” Terrier sehr beliebt, die sie zu sportlichen Wettkämpfen im Rattenbeissen einsetzten. Besonderes Interesse zeigten auch die Pferdezüchter aus dem nahegelegenen Newmarket, einem der grössten und bedeutendsten Vollblutzuchtgebiete der Welt.

Ausgehend von Cambridge und Umgebung bemühten sich verschiedene Personen um die Weiterentwicklung dieser kleinen roten Terrier, fast all waren “Pferdeleute” oder Jäger: Jodrell Hopkins, Lewis Low, Frank Jones, Jock Cooke, Jack Read, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie arbeiteten gezielt darauf hin, einen bestimmten Typ, den sie sich als Ziel gesetzt hatten, zu schaffen. Bis zum heutigen Norwich und Norfolk Terrier war es jedoch noch ein weiter Weg.



Anerkennung und Ohrprobleme



Ch.Biffin of Beaufin (links), geboren 1932,
und Little Jane (rechts)

Die Ohrhaltung war von geringer Bedeutung für die frühen Züchter der kleinen, roten Terrier, Temperament und Mut waren ausschlaggebend. Häufig wurden die Ohren sogar kupiert.

Gewiss war es nicht im Sinne der früheren Züchter, zwei Rassen zu schaffen, doch mit dem Kupierverbot kam es zwangsläufig dazu, dass man die Stehohrigen von den Kippohrigen unterscheiden musste, und beide Typen hatten ihre Anhänger, so dass man sich nicht auf eine Ohrhaltung einigen konnte. Als es 1932 durch den Kennel Club zur Anerkennung des Norwich Terriers als Rasse kam, durften die Hunde laut Standard Steh- oder Kippohren haben.

Obwohl es erlaubt war, die Typen miteinander zu kreuzen, erkannten die Züchter schon früh, dass damit keine guten Resultate zu erzielen waren, nämlich “Flatteröhrchen”, wie sie noch heute bei den Norfolk Terriern vorkommen. Alle Versuche beim Kennel Club, einen Zusatz “Kippohr” und “Stehohr” bei der Eintragung der Hunde zu erwirken, waren vergeblich. Es war ein harter Kampf, ehe nach vielen Jahren 1964 der Kennel Club einwilligte und die Kippohrigen einen neuen Namen erhielten: “Norfolk Terrier”. Beide Rassen haben nach Ansicht britischer Züchter von dieser Trennung profitiert.

Ein Beispiel für Flatteröhrchen zeigt das Foto von Ch. Biffin of Beaufin. Wenn Norfolk Terrier heute Flatteröhrchen haben, dann werden sie häufig im Alter von ca. 4-5 Monaten für ein paar Wochen geklebt um die Ohrhaltung zu korrigieren. Ein Youtube Video das zeigt, wie es geht, finden Sie
hier.

Unterschiede zum Norwich Terrier


Es liegt mehr zwischen Norfolk und Norwich Terrier als nur eine unterschiedliche Ohrhaltung. Dazu einige Ansichten von Züchtern, die beide Rassen kennen: Norwiches sind insgesamt tiefer, kürzer und kompakter gebaut. Der Norfolk ist eine Spur länger im Rücken und leichter, dem “working terrier” noch näherstehend. Beim Norfolk ist das tiefrote, harte Haarkleid häufiger anzutreffen, dafür sieht man unter den Norwiches wesentlich mehr “black and tan”, ”grizzle” oder “wheaten”. Aber die Hauptunterschiede liegen im Wesen der beiden Rassen. Norwich Terrier sind in der Regel ständig um die Füsse ihrer Besitzer, können so auch eher mal ohne Leine spazierengehen. Selbst im Haus folgen sie ihrem ”Meister” auf Schritt und Tritt. Norfolks sind etwas unabhängiger in ihrem Naturell, gehen auch mal eigene Wege und bleiben zu Hause auf ihrem Platz liegen, wenn ihr “Meister” nur gerade mal in ein anderes Zimmer geht. Während der Norwich Terrier ein fast überschäumendes Temperament besitzt, ist der Norfolk eher gleichmütig und unerschütterlich. Er ist ruhiger im Haus, weniger quirlig, aber auch nicht so “showy”, wie sein stehohriger Vetter. Der Norwich ist als “Zeiger” im Ausstellungsring fast ein Naturtalent, was der Norfolk in der Regel erst lernen muss. In jedem Fall ist es falsch, die beiden Rassen im Ausstellungsring miteinander vergleichen zu wollen. Sie wurden getrennt, um eben dieses zu verhindern. Ein Richter kommt schliesslich auch nicht auf die Idee, einen West Highland White Terrier mit einem Cairn Terrier zu vergleichen, obwohl sie denselben Ursprung haben.

Auch die rassetypischen Krankheiten sind ganz unterschiedlich und selbst in der Bewegung sieht der Fachmann Unterschiede zwischen Norwich und Norfolk Terrier.

(Quelle: Joan R. Read)